BIZ-Quartalsbericht September 2013: Märkte beschleunigen Ende der Lockerung

15. September 2013

Pressemitteilung

  • Steigende Renditen in fortgeschrittenen Volkswirtschaften lösten heftige Erschütterungen in aufstrebenden Volkswirtschaften aus.
  • Die grenzüberschreitenden Forderungen der an die BIZ berichtenden Banken blieben im ersten Quartal 2013 praktisch unverändert. Anstatt an fortgeschrittene Volkswirtschaften vergaben die Banken wieder mehr Kredite an aufstrebende Volkswirtschaften - insbesondere China, Brasilien und Russland.
  • Die japanischen Banken sind jetzt bei der grenzüberschreitenden Kreditvergabe wieder weltweit führend; diese Führungsposition hatten sie nach der Krise der 1990er Jahre verloren.
  • Unternehmen aus aufstrebenden Volkswirtschaften haben Unternehmen aus fortgeschrittenen Volkswirtschaften als grösste Gruppe von Emittenten von Unternehmensschuldtiteln in Offshore-Zentren abgelöst.
  • Laut einer Studie von Benjamin Cohen (BIZ) haben grosse Banken ihre Eigenkapitalquoten vor allem durch vermehrtes Einbehalten von Gewinnen aufgestockt und nicht durch Abbau ihrer Aktiva oder Kreditbestände.
  • Stefan Avdjiev, Anastasia Kartasheva und Bilyana Bogdanova (BIZ) erläutern die Struktur von sog. Contingent-Convertible-Kapitalinstrumenten (CoCo) und analysieren die Marktentwicklung.
  • Anamaria Illes und Marco Lombardi (BIZ) zeigen auf, dass in vielen Ländern die Differenz zwischen Kredit- und Leitzinsen immer noch deutlich grösser ist als vor der Krise.
  • Insgesamt gibt es keinen Mangel an Sicherheiten, argumentieren die Ingo Fender und Ulf Lewrick (BIZ). Allerdings könnten die Sicherheiten ungleichmässig verteilt sein.
  • Ilhyock Shim, Bilyana Bogdanova, Jimmy Shek und Agne Subelyte (BIZ) präsentieren eine Datenbank über geldpolitische und aufsichtsrechtliche Massnahmen, mit deren Hilfe Übersteigerungen an Wohnimmobilienmärkten gemildert werden sollen.

Abrisse der einzelnen Kapitel

Märkte beschleunigen Ende der Lockerung

Als die Federal Reserve im Mai ankündigte, dass sie in Betracht ziehe, die quantitative Lockerung schrittweise aufzugeben, löste dies weltweit ein Beben an den Finanzmärkten aus. Anleiherenditen schnellten in die Höhe, und dieser Anstieg griff auf andere Vermögenswertklassen und Regionen über. Sowohl in fortgeschrittenen als auch in aufstrebenden Volkswirtschaften fielen die Aktienkurse massiv; auch eine Reihe von Währungen aufstrebender Volkswirtschaften brach ein. Der Abwärtsdruck auf die Preise liess Anfang Juli nach, als die Federal Reserve, die EZB und die Bank of England den Märkten versicherten, die Geldpolitik würde akkommodierend bleiben, bis die Erholung der jeweiligen Wirtschaft wirklich Tritt gefasst habe. In den fortgeschrittenen Volkswirtschaften erholten sich die Aktienkurse rasch, und die Renditen blieben trotz ihres Anstiegs im langjährigen Vergleich tief. Dies führte zu einer anhaltenden Verengung der Kreditzinsspannen und einem erhöhten Absatz von risikoreicheren Anleihen, was Erinnerungen an den Überschwang vor der weltweiten Finanzkrise weckte.

Die vom Markt angeführte Verschärfung der Finanzierungsbedingungen löste in den aufstrebenden Volkswirtschaften erhebliche Erschütterungen aus. Zusammen mit den sich bereits eintrübenden Wachstumsaussichten dieser Volkswirtschaften verstärkte dies den Druck auf die lokalen Anleihe-, Aktien- und Devisenmärkte. Entsprechend erhöhte sich die Verwundbarkeit, die durch die Abhängigkeit von flüchtigem ausländischem Kapital entstanden war.

Wichtigste Erkenntnisse aus den internationalen BIZ-Statistiken

Im ersten Quartal 2013 blieben die grenzüberschreitenden Forderungen der an die BIZ berichtenden Banken praktisch unverändert, was auf zwei unterschiedliche Trends zurückzuführen war. Einerseits wurden geringere Interbankkredite, insbesondere an Banken im Euro-Raum, weitgehend durch höhere Forderungen gegenüber Nichtbanken ausgeglichen. Andererseits standen einer geringeren Kreditvergabe an fortgeschrittene Volkswirtschaften höhere Forderungen an Schuldner in aufstrebenden Volkswirtschaften gegenüber, insbesondere in China, Brasilien und Russland. Infolgedessen erreichte der Anteil der Interbankkreditvergabe an aufstrebende Volkswirtschaften den höchsten bisher verzeichneten Stand. Dies untermauert einen längerfristigen Trend: Vor allem die aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens und Lateinamerikas waren im Allgemeinen von der weltweiten Finanzkrise weniger stark betroffen.

Die japanischen Banken eroberten ihre Stellung als die weltweit grössten Anbieter von grenzüberschreitenden Krediten zurück. Vermehrt vergeben sie Kredite über ihre Auslandsniederlassungen, während der Anteil der in Japan verbuchten grenzüberschreitenden Forderungen rückläufig ist. Der internationale Terraingewinn japanischer Banken wurde weitgehend in Japan refinanziert.

Finanz- und Nichtfinanzunternehmen mit Hauptsitz in aufstrebenden Volkswirtschaften haben Unternehmen aus fortgeschrittenen Volkswirtschaften als grösste Gruppe von Emittenten von Unternehmensschuldtiteln in Offshore-Zentren abgelöst. Der rasante Anstieg der Emissionen ist vor allem Emittenten aus gerade mal zwei Ländern - China und Brasilien - zuzuschreiben. Indem sie Anleihen über von ihnen kontrollierte Offshore-Vehikel absetzen, können sie eine Anlegerbasis erreichen, für die Investitionen vor Ort schwierig wären.

Wie haben sich die Banken an die höheren Eigenkapitalanforderungen angepasst?*

Unter dem Druck strengerer regulatorischer Anforderungen und der Märkte haben die Banken seit der Finanzkrise ihre Eigenkapitalquoten stetig erhöht. Benjamin Cohen (BIZ) untersucht, wie die Banken ihre risikogewichteten Eigenkapitalquoten erhöht haben, und stellt fest, dass der Grossteil der Erhöhung auf einbehaltene Gewinne entfällt. Die Banken verringerten den als Dividende ausgeschütteten Gewinnanteil; in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften erhöhten sie ausserdem die Kreditzinsspannen. Eine weniger bedeutende Rolle spielte ein Abbau der risikogewichteten Aktiva. Befürchtungen, dass die Banken die Kreditvergabe einstellen würden, haben sich somit nicht bewahrheitet, jedenfalls nicht auf aggregierter Ebene. Im Durchschnitt erhöhten die Banken ihre Kreditvergabe weiter; bei europäischen Banken war das Kreditwachstum jedoch vergleichsweise langsamer. Diejenigen Banken, die mit höheren risikogewichteten Eigenkapitalquoten und besserer Ertragslage aus der Krise hervorgegangen waren, konnten ihre Kreditvergabe stärker ausweiten.

CoCo - eine Einführung*

Private Anleger zögern in der Regel, Banken in Zeiten finanzieller Anspannungen zusätzliches Fremdkapital zur Verfügung zu stellen. Die sogenannten Contingent-Convertible-Kapitalinstrumente (CoCo) eröffnen einen Weg, dieses Problem anzugehen und zu verhindern, dass die Steuerzahler zur Kasse gebeten werden. CoCo sind hybride Wertpapiere, die entweder abgeschrieben oder in Eigenkapital gewandelt werden, wenn das Eigenkapital der emittierenden Bank unter einen bestimmten Schwellenwert fällt. Stefan Avdjiev, Anastasia Kartasheva und Bilyana Bogdanova (BIZ) erläutern die Struktur von CoCo und zeichnen die Marktentwicklung nach. Es überrascht nicht, dass Absatz und Gestaltung von CoCo davon abhängen, ob sie den Banken dabei helfen, regulatorische Eigenkapitalanforderungen zu erfüllen oder nicht. Die Nachfrage nach CoCo stammt grösstenteils von Kleinanlegern; institutionelle Anleger hingegen zeigten sich bisher relativ zurückhaltend. Die Kosten einer CoCo-Emission, gemessen als Aufschlag gegenüber anderen nachrangigen Schuldtiteln, hängen stark davon ab, ob sie abgeschrieben oder in Aktien gewandelt werden und bei welcher Höhe der Eigenkapitalquote der Verlustabsorptionsmechanismus aktiviert wird.

Weitergabe von Zinsen durch die Banken seit der Finanzkrise*

Die Leitzinsen in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften sind auf Rekordtiefstände gesunken, und Zentralbanken haben zu unkonventionellen geldpolitischen Instrumenten gegriffen. Allerdings gibt es Bedenken, dass die niedrigen Leitzinsen nicht in die Kreditzinsen für private Haushalte und Unternehmen weitergegeben wurden. Anamaria Illes und Marco Lombardi (BIZ) untersuchen, ob die Wirkung der Geldpolitik auf die Zinssätze für Bankkredite an Nichtfinanzunternehmen nach der grossen Rezession beeinträchtigt wurde. Sie stellen fest, dass die Differenz zwischen den Kreditzinsen für den Sektor der Nichtfinanzunternehmen und den Leitzinsen in den USA und Deutschland derzeit wieder nahe beim Vorkrisenniveau liegt, in den peripheren Ländern des Euro-Raums jedoch grösser geblieben ist.

Ursachen und Folgen von Angebot-Nachfrage-Ungleichgewichten an den Märkten für als Sicherheiten dienende Vermögenswerte*

Eine steigende Nachfrage nach als Sicherheiten dienenden Vermögenswerten im Gefolge der Finanzkrise hat Befürchtungen geweckt, dass es zu einem Mangel an erstklassigen Aktiva kommen könnte. Gestützt auf einen jüngst erschienenen Bericht des Ausschusses für das weltweite Finanzsystem argumentieren Ingo Fender und Ulf Lewrick (BIZ), dass diese Befürchtungen vermutlich ungerechtfertigt sind. Insgesamt scheint der Zuwachs beim Angebot an erstklassigen Aktiva ausreichend, um der zusätzlichen Nachfrage - die sowohl auf Marktkräfte als auch auf Regulierungsänderungen zurückzuführen ist - zu entsprechen. Doch da diese Aktiva unter den Marktteilnehmern ungleichmässig verteilt sind, dürfte die höhere Nachfrage zu Marktreaktionen führen, die wiederum Risiken für das Finanzsystem bergen könnten. Eine weitere Beobachtung ist daher ratsam.

Datenbank für staatliche Massnahmen an den Märkten für Wohnimmobilien*

Die Märkte für Wohnimmobilien standen in der Vergangenheit in fortgeschrittenen und aufstrebenden Volkswirtschaften gleichermassen im Zentrum vieler Finanzkrisen. Zentralbanken und Finanzbehörden in aller Welt haben verschiedene Arten geldpolitischer und aufsichtsrechtlicher Massnahmen ergriffen, um Häufigkeit und Intensität von Boom-Bust-Zyklen bei Wohnimmobilienkrediten und -preisen zu mildern. Ilhyock Shim, Bilyana Bogdanova, Jimmy Shek und Agne Subelyte (BIZ) stellen eine neue Datenbank für solche Massnahmen vor. Sie erfasst 60 Volkswirtschaften aus aller Welt, mit Daten von Januar 1990 (bzw. dem jeweils frühesten verfügbaren Zeitpunkt) bis Juni 2012. Die Massnahmen werden nach Art, Region, Zeitpunkt und Stossrichtung (Verschärfung bzw. Lockerung der Kreditkonditionen) zusammengefasst.

 

* Namentlich gezeichnete Artikel geben die Meinung der Autoren wieder, die sich nicht unbedingt mit dem Standpunkt der BIZ deckt.