Übersicht über die Kapitel zur Wirtschaftsentwicklung

29. Juni 2014

Kapitel I: Auf der Suche nach einem neuen Kompass

In der Weltwirtschaft hat es im vergangenen Jahr ermutigende Entwicklungen gegeben. Damit ist die missliche Lage allerdings noch nicht überwunden, da die Nachwirkungen der Großen Finanzkrise immer noch zu spüren und die ihr zugrundeliegenden Kräfte immer noch am Werk sind. Um die Nachwirkungen hinter sich zu lassen, muss die Politik über ihren traditionellen Fokus auf den Konjunkturzyklus hinausgehen und eine längerfristige Perspektive einnehmen. Außerdem muss sie etwas gegen die längerfristige Dynamik des Auf- und Abbaus jener Risiken in der Wirtschaft tun, die den Finanzzyklus kennzeichnen. Und geborgtes Geld darf nicht mehr der wichtigste Wachstumsmotor sein. Die Rückkehr zu einem nachhaltigen Wachstum erfordert in allen großen Volkswirtschaften gezielte Maßnahmen, unabhängig davon, ob diese Volkswirtschaften von der Krise betroffen waren oder nicht. Die am stärksten betroffenen Länder müssen die Bilanzsanierungen und die Strukturreformen abschließen. Die derzeitige Erholung der Weltwirtschaft bietet eine große Chance, die nicht ungenutzt bleiben sollte. Etliche Volkswirtschaften, die von den schlimmsten Auswirkungen der Finanzkrise verschont geblieben sind, wachsen dank kräftiger Finanzbooms weiter. In diesen Volkswirtschaften sollte die Politik vermehrt darauf hinarbeiten, diese Booms einzudämmen und sich für einen möglichen Abschwung zu wappnen. Auch in diesem Falle kann sie es sich nicht leisten, Strukturreformen auf die lange Bank zu schieben. Zur Abschwächung der Extreme des Finanzzyklus müssen die - fiskal-, geld- und aufsichtspolitischen - Handlungsrahmen künftig neu ausgerichtet werden, damit die Politik symmetrischer auf die Auf- und Abschwungphasen des Finanzzyklus reagiert. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die Weltwirtschaft auf Dauer instabil bleibt und letztlich keinerlei politischer Handlungsspielraum mehr besteht.

Kapitel II: Finanzmärkte weltweit im Bann der Geldpolitik

Die Finanzmärkte haben besonders empfindlich auf den tatsächlichen und den erwarteten Kurs der Geldpolitik reagiert. Das ganze Jahr über sorgte die lockere Geldpolitik für geringe Volatilität und begünstigte das Renditestreben. Hohe Bewertungen von Aktien, geringe Renditeaufschläge, eine niedrige Volatilität und umfangreiche Emissionen von Unternehmensanleihen waren allesamt Ausdruck einer hohen Risikobereitschaft der Anleger. Im vergangenen Jahr erwiesen sich die aufstrebenden Volkswirtschaften bisweilen als anfällig gegenüber Veränderungen der globalen Rahmenbedingungen. Dabei hielten sich die Volkswirtschaften mit positiveren Fundamentaldaten besser, ganz blieben aber auch sie von den gelegentlichen Marktturbulenzen nicht verschont. Mitte 2014 legten die Anleger bei ihrem Streben nach Rendite erneut eine große Risikobereitschaft an den Tag: Die meisten aufstrebenden Volkswirtschaften stabilisierten sich, die weltweiten Aktienmärkte erreichten neue Höchststände, und die Renditeaufschläge sanken weiter. Insgesamt irritiert die begrenzt nachvollziehbare Abkopplung der Marktdynamik von den zugrundeliegenden wirtschaftlichen Entwicklungen weltweit.

Kapitel III: Wachstum und Inflation: Triebkräfte und Aussichten

Das Weltwirtschaftswachstum hat sich beschleunigt. Bei einer weltweit nach wie vor verhaltenen Inflationsentwicklung trugen zu dieser Beschleunigung am meisten die fortgeschrittenen Volkswirtschaften bei. Dass das Wachstum in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften trotz des derzeitigen Aufschwungs unter dem Vorkrisendurchschnitt verharrt, überrascht in diesem Zusammenhang nicht: Der Abschwung nach einem länger anhaltenden Finanzboom geht in der Regel mit einer Bilanzrezession einher, und die anschließende Erholung fällt viel schwächer aus als in einem normalen Konjunkturzyklus. Diese Schwäche hat verschiedene Ursachen: angebotsseitige Störungen und Fehlallokationen von Ressourcen, hohe Schulden- und Kapitalstocküberhänge, den angeschlagenen Finanzsektor und den beschränkten politischen Handlungsspielraum. In den fortgeschrittenen Volkswirtschaften sind die in Relation zur Produktion geringen Investitionen in erster Linie auf die Korrektur früherer finanzieller Exzesse und auf nur langfristig zu ändernde strukturelle Faktoren zurückzuführen. Derweil gerät das Wachstum in den aufstrebenden Volkswirtschaften, das seit der Krise im Allgemeinen kräftig war, ins Stocken. Die niedrige Inflation, die derzeit in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften zu beobachten ist, liegt nicht nur am verhaltenen Binnenwachstum und an der schwachen inländischen Kapazitätsauslastung, sondern ist auch auf den Einfluss globaler Faktoren zurückzuführen. Längerfristig liegt der Schlüssel zu einem solideren und nachhaltigeren Wachstum in einer Steigerung der Produktivität.

Kapitel IV: Verschuldung und Finanzzyklus aus nationaler und globaler Sicht

Finanzzyklen bilden die Dynamik der Wechselwirkungen ab, die finanzielle Auf- und Abschwünge auslösen - Wechselwirkungen zwischen den Bewertungen, dem geschätzten und dem tatsächlich eingegangenen Risiko sowie den Finanzierungsbedingungen. Finanzzyklen dauern in der Regel länger als traditionelle Konjunkturzyklen. Weltweit befinden sich die Länder derzeit in sehr unterschiedlichen Phasen des Finanzzyklus. In den von der Finanzkrise 2007-09 am stärksten betroffenen Volkswirtschaften haben private Haushalte und Unternehmen zwar damit begonnen, ihre Schuldenlast im Verhältnis zum Einkommen abzubauen, doch bleibt dieses Verhältnis vielfach hoch. Verschiedene weniger stark von der Krise betroffene Länder wiederum befinden sich in der Spätphase eines kräftigen Finanzbooms. Dadurch sind sie für Bilanzrezessionen und - in einigen Fällen - für schwerwiegende finanzielle Anspannungen anfällig geworden. Gleichzeitig hat sich durch die zunehmende Bedeutung neuer Finanzierungsquellen die Art der Risiken verändert. In dieser zweiten Phase globaler Liquidität haben sich Unternehmen in den aufstrebenden Volkswirtschaften vielfach auch an den internationalen Märkten finanziert. Damit setzen sie sich aber dem Risiko aus, dass Gelder bei den ersten Anzeichen von Problemen abgezogen werden könnten. Ganz allgemein könnten sich einige Länder unversehens in einer Schuldenfalle wiederfinden: Der Weg, die Wirtschaft durch niedrige Zinssätze anzukurbeln, begünstigt nämlich die Aufnahme weiterer Schulden und verschärft so letztlich das Problem, anstatt es zu lösen.

Kapitel V: Geldpolitik tut sich schwer mit Normalisierung

Die Geldpolitik blieb angesichts zahlreicher bedeutender Herausforderungen sehr locker. Erstens hatten die Zentralbanken in den großen fortgeschrittenen Volkswirtschaften mit einer ungewöhnlich schleppenden Erholung und Anzeichen einer nachlassenden Wirksamkeit der Geldpolitik zu kämpfen. Zweitens machten den aufstrebenden Volkswirtschaften und kleinen offenen fortgeschrittenen Volkswirtschaften Marktturbulenzen und Übertragungseffekte aufgrund der Geldpolitik der großen fortgeschrittenen Volkswirtschaften zu schaffen. In Letzteren könnte die Geldpolitik den Auswirkungen ihrer Maßnahmen auf andere Länder und etwaigen Rückkopplungseffekten daraus noch vermehrt Rechnung tragen. Drittens standen verschiedene Zentralbanken vor dem Problem, wie sie mit der unerwarteten Dis- inflation am besten umgehen sollten. Hier gilt es genau abzuwägen, welche Kräfte wie lange am Werk sein dürften. Es gilt auch zu berücksichtigen, dass die Wirkung der Geldpolitik nachgelassen hat und dass geldpolitische Maßnahmen Nebeneffekte haben. Ein großes Thema ist viertens schließlich die Frage, wann der richtige Zeitpunkt zur Normalisierung der Geldpolitik gekommen und welches das richtige Tempo dafür wäre. Der Ausstieg dürfte sich als komplex erweisen und alles andere als problemlos verlaufen, unabhängig davon, wie er kommuniziert wird. Und die Gefahr, dass die Normalisierung zu spät und zu langsam erfolgt, sollte nicht unterschätzt werden.

Kapitel VI: Entscheidende Weichenstellungen im Finanzsystem

Der Finanzsektor ist seit der Krise etwas solider geworden. Banken haben ihre Eigenkapitalausstattung wieder aufgebaut (vorwiegend über einbehaltene Gewinne) und ihr Geschäftsmodell vielfach stärker auf das traditionelle Bankgeschäft ausgerichtet. Allerdings haben auch viele Banken - trotz einer Verbesserung der Rentabilität insgesamt - weiterhin Schwachstellen in ihren Bilanzen. Grund dafür sind übermäßig verschuldete Kreditnehmer, der Schuldenüberhang, der die wirtschaftliche Erholung belastet, und die Gefahr einer Wachstumsverlangsamung in denjenigen Ländern, die sich in der Spätphase eines Finanzbooms befinden. Im derzeitigen Finanzumfeld spielt die marktbasierte Intermediation eine zunehmend wichtige Rolle, insbesondere weil sich die Banken oft nicht so günstig refinanzieren können wie einige ihrer Firmenkunden. So sind Kapitalanlagegesellschaften in den letzten Jahren rasant gewachsen und zu einer bedeutenden Finanzierungsquelle geworden. Dies - in Kombination mit der hohen Größenkonzentration in der Branche - könnte die Dynamik der Anleihemärkte beeinflussen und sich auch auf die Finanzierungsmöglichkeiten und -kosten von Unternehmen und privaten Haushalten auswirken.