Der Finanzsektor in den fortgeschrittenen Industrieländern

30. Juni 2008

Mehrere Jahre des Wachstums und erhöhter Rentabilität für die Finanzinstitute fanden im Berichtszeitraum ein jähes Ende, als sich Spannungen, die hauptsächlich von Engagements am Wohnimmobilienmarkt ausgingen, auf das gesamte Finanzsystem ausweiteten. Was als Problem des US-Subprime-Hypothekenmarktes begonnen hatte, entwickelte sich zu einer Quelle massiver Verluste für Finanzinstitute auf der ganzen Welt, die derartige Wertpapiere hielten. Die Unsicherheit über die Höhe und Verteilung der Verluste wurde durch die Komplexität der im Verbriefungsprozess verwendeten neuen Strukturen noch verstärkt. Eine Einschränkung der Risikoübernahme hatte Illiquidität zur Folge, wodurch Schwachstellen in den Refinanzierungsvorkehrungen vieler Finanzinstitute sichtbar wurden. Die Spannungen kulminierten im Beinahezusammenbruch bedeutender Finanzinstitute, der den öffentlichen Sektor zum Eingreifen veranlasste, um mögliche systemweite Erschütterungen infolge eines unkontrollierten Kollabierens zu verhindern.

Da sich zahlreiche Finanzinstitute um eine Sanierung ihrer geschwächten Bilanzen kümmern müssen - noch dazu bei einem sich verschlechternden gesamtwirtschaftlichen Umfeld -, dürfte eine Wende im Kreditzyklus nachhaltigen Gegenwind für die Konjunktur bedeuten. Wie sich die Lage weiter entwickeln wird, hängt maßgeblich von den dynamischen Wechselwirkungen zwischen Finanzsektor und Realwirtschaft ab. Eine geringere Verfügbarkeit von Krediten, hervorgerufen durch die Bemühungen des Finanzsektors um die Erhaltung seiner Eigenkapitalbasis, könnte über eine Beeinträchtigung der gesamtwirtschaftlichen Ausgaben, der Wirtschaftsaktivität und der Qualität der Vermögenswerte die Phase schwacher Rentabilität verlängern. Diese Folgen könnten sich auch grenzübergreifend bemerkbar machen, wenn geschwächte Bankensysteme zu einem Abbau ihres internationalen Engagements tendieren. Über die zyklischen Auswirkungen hinaus ist diese Phase starker Anspannungen zudem Vorbote struktureller Verschiebungen. Die Finanzinstitute überprüfen die Annahmen, die sie zur Einführung des Originate-to-distribute-Modells veranlassten - eines Geschäftsmodells, das darauf beruht, Kredite zu vergeben und in verbriefter Form zu veräußern. Die öffentlichen Entscheidungsträger ihrerseits überdenken bestimmte Aspekte der aufsichtsrechtlichen Rahmenbedingungen, die die beabsichtigte Wirkung verfehlten.