BIZ-Quartalsbericht September 2015: Schwächen in aufstrebenden Volkswirtschaften rücken in den Vordergrund

13. September 2015

Pressemitteilung

Der BIZ-Quartalsbericht vom September beleuchtet die erhöhte Aufmerksamkeit, die die Anleger Schwächen in aufstrebenden Volkswirtschaften und deren Folgen für die weltweiten Märkte schenken.

Überdies werden mit diesem Quartalsbericht Verbesserungen bei den statistischen Datenreihen eingeführt, die von der BIZ erstellt und öffentlich zugänglich gemacht werden. Insbesondere:

  • Sind die standortbezogene und die konsolidierte Bankgeschäftsstatistik der BIZ in mehrerer Hinsicht verbessert und erweitert worden. Zusammen ermöglichen diese Verbesserungen eine genauere Analyse der Kreditvergabe und der Refinanzierung von Banken sowie von deren Rolle bei der Weitergabe von Schocks an andere Länder.
  • Gibt es eine neue Datenreihe zur Verschuldung des öffentlichen Haushalts mit einheitlichen Quartalszahlen zu wesentlichen staatlichen Verbindlichkeiten von 40 fortgeschrittenen und aufstrebenden Volkswirtschaften.
  • Berechnet die BIZ neu Schätzungen der Schuldendienstquoten - das Verhältnis von Zins- und Tilgungszahlungen zum Einkommen - des privaten Sektors in 32 fortgeschrittenen und aufstrebenden Volkswirtschaften.

Drei Feature-Artikel zu statistischen Themen beschreiben die Verbesserungen näher. Überdies gibt das Feature „Einführung in die BIZ-Statistiken" einen Überblick über die verschiedenen von der BIZ zusammengetragenen Datenreihen und deren mögliche Verwendung für die Überwachung wirtschaftlicher und finanzieller Entwicklungen sowie für Analysezwecke.

Der übliche Kommentar zu jüngsten Entwicklungen an den Finanzmärkten und weltweiten Kapitalströmen hält Folgendes fest:

  • Die Anleger sind bei ihrer Neueinschätzung der weltweiten Wachstumsaussichten zunehmend besorgt über wachsende Schwächen in aufstrebenden Volkswirtschaften, insbesondere China.
  • Die Entwicklungen in China sowie die Verhandlungen mit Griechenland im Juni und Anfang Juli dämpften die Zuversicht der Anleger und drückten weltweit auf die Vermögenspreise. Eine sich selbst verstärkende Abschwächungsspirale kam in Gang, zunächst bei den Rohstoffpreisen, dann an den Aktienmärkten und bei den Wechselkursen aufstrebender Volkswirtschaften, was wiederum zu Verwerfungen an den Aktienmärkten der fortgeschrittenen Volkswirtschaften führte.
  • Viele dieser Ereignisse hatten sich durch Verschiebungen im internationalen Bankgeschäft, an den Wertpapiermärkten und bei der globalen Liquidität bereits früher in diesem Jahr angekündigt. Die globalen Liquiditätsverhältnisse waren in den ersten Monaten 2015 insbesondere in fortgeschrittenen Volkswirtschaften positiv, für aufstrebende Volkswirtschaften zeigten sich jedoch Anzeichen einer Verschlechterung.
  • Ende März 2015 betrugen die US-Dollar-Finanzierungen von Nichtbankschuldnern ausserhalb der USA $ 9,6 Billionen, während sich die Euro-Finanzierungen von Nichtbanken ausserhalb des Euro-Raums auf $ 2,8 Billionen beliefen.
  • Die auf Euro lautenden grenzüberschreitenden Forderungen sowie die Kreditvergabe an den Euro-Raum und an andere europäische Länder mit Ausnahme von Griechenland stiegen im ersten Quartal 2015 sprunghaft an.
  • Im ersten Halbjahr 2015 nahmen die Netto-Wertpapieremissionen von Schuldnern aus fortgeschrittenen Volkswirtschaften so rasant zu wie zuletzt vor Ausbruch der Grossen Finanzkrise. Hingegen verlangsamten sich die Emissionen von Schuldnern aus aufstrebenden Volkswirtschaften.

Zwei Feature-Artikel schliesslich befassen sich mit wirtschaftlichen Themen:

  • Kurz- und langfristige US-Zinssätze haben eine statistisch und ökonomisch signifikante Wirkung auf die entsprechenden Sätze in aufstrebenden und kleineren fortgeschrittenen Volkswirtschaften, und zwar auch dann, wenn wirtschaftliche und finanzielle Verflechtungen berücksichtigt werden. Darüber hinaus ist diese Wirkung zum Teil auf geldpolitische Spillover-Effekte zurückzuführen, d.h., die US-Leitzinsen beeinflussen die Leitzinssätze anderswo.
  • Das grenzüberschreitende Bankgeschäft innerhalb des Asien-Pazifik-Raums hat an Bedeutung gewonnen, da sich europäische Banken im Zuge der Krise aus der Region zurückzogen. Die Behörden des Asien-Pazifik-Raums streben ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Effizienzgewinnen durch verstärkte regionale Integration und der Notwendigkeit an, Herausforderungen in Bezug auf Regulierung und Finanzstabilität zu meistern, z.B. die Liquiditäts- und Refinanzierungsrisiken der Banken zu überwachen und zu mildern. 

Abrisse der einzelnen Kapitel

Schwächen in aufstrebenden Volkswirtschaften rücken in den Vordergrund

In den letzten Monaten richteten die Anleger ihr Augenmerk vermehrt auf die Schwächen, die in aufstrebenden Volkswirtschaften, insbesondere China, zutage traten, und schätzten deren Auswirkungen auf die Wachstumsaussichten der Weltwirtschaft ein. In China brachen die Aktienmärkte im Juni/Juli 2015 nach einem Höhenflug ein, der die Bewertungen zahlreicher Aktien auf Extremwerte getrieben hatte. Dies sowie die Verhandlungen mit Griechenland im Juni und Anfang Juli trübten die Anlegerstimmung und drückten weltweit auf die Vermögenspreise.

Angeführt vom Ölpreis setzten die Rohstoffpreise den Abwärtstrend fort, der 2014 begonnen hatte und der im zweiten Quartal 2015 nur kurz unterbrochen wurde. Die Hauptursache war vermutlich die Wahrnehmung, dass die Nachfrage infolge der sich abschwächenden Konjunktur in einer Reihe von aufstrebenden Volkswirtschaften rückläufig war. Die sinkenden Rohstoffpreise wiederum beeinträchtigten die Wachstumsaussichten für die Rohstoffproduzenten unter den aufstrebenden Volkswirtschaften zusätzlich. Infolgedessen verzeichneten viele Rohstoffproduzenten eine erneute Abwertung ihrer Währung, die noch durch eine weitere Phase der Dollar-Aufwertung aufgrund der geldpolitischen Aussichten in den USA verschärft wurde.

An den Staatsanleihemärkten erhöhten sich die Renditen im April und Mai kräftig, sanken dann im Juni aber wieder. Im Zentrum des Renditenanstiegs stand der Markt für deutsche Staatsanleihen. In einem Kasten wird untersucht, inwiefern die gestiegene Volatilität auf eine Verschlechterung der Marktliquidität zurückgeführt werden kann.

Wichtigste Erkenntnisse zum weltweiten Finanzgeschäft

In den ersten Monaten 2015 waren insbesondere in fortgeschrittenen Volkswirtschaften die globalen Liquiditätsbedingungen sehr vorteilhaft: Internationale Finanzierungen erholten sich und waren durch ein besonders kräftiges Wachstum der in Euro denominierten Bank- und Kapitalmarktfinanzierungen gekennzeichnet. Gleichzeitig gab es bei den Finanzierungen für aufstrebende Volkswirtschaften, insbesondere China und Russland, Anzeichen einer Verlangsamung.

Ende März 2015 betrugen die US-Dollar-Finanzierungen von Nichtfinanzschuldnern ausserhalb der USA $ 9,6 Billionen, während sich die Euro-Finanzierungen von Nichtfinanzschuldnern ausserhalb des Euro-Raums auf $ 2,8 Billionen beliefen. Insgesamt weiteten sich die grenzüberschreitenden Forderungen der BIZ-Berichtsbanken Anfang 2015 erneut aus, und auch der Absatz internationaler Schuldtitel setzte sein kräftiges Wachstum fort.

Während jedoch das Bankgeschäft und der Wertpapierabsatz in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften dynamisch waren, verlangsamten sich die internationalen Finanzierungen für aufstrebende Volkswirtschaften. Die Bankkreditvergabe an Letztere schrumpfte im ersten Quartal 2015 wechselkursbereinigt um $ 52 Milliarden. Schuldner in fortgeschrittenen Volkswirtschaften begaben im ersten Halbjahr 2015 Wertpapiere in Höhe von insgesamt $ 247 Milliarden netto, ein Rekordvolumen für die Zeit nach dem Ausbruch der globalen Finanzkrise. Schuldner in aufstrebenden Volkswirtschaften dagegen nahmen, um Tilgungen bereinigt, im gleichen Zeitraum $ 137 Milliarden am Schuldtitelmarkt auf, deutlich weniger als in den drei Vorjahren. Die Frühwarnindikatoren deuteten darauf hin, dass die wichtigsten aufstrebenden Volkswirtschaften nach wie vor anfällig sind, was Schuldenüberhänge betrifft.

Features zu Verbesserungen der BIZ-Statistiken

Einführung in die BIZ-Statistiken

Die BIZ hat ihre Statistiken um zusätzliche Daten erweitert, die Form geändert, in der diese Daten verbreitet werden, und erleichtert ihre Verwendung für wirtschaftspolitische Analysen. Dieses von Mitarbeitern der Währungs- und Wirtschaftsabteilung der BIZ verfasste Feature beschreibt kurz jede BIZ-Datenreihe und erläutert, wie die Statistiken für Analysezwecke verwendet werden können.

Verbesserte Daten für die Analyse des internationalen Bankgeschäfts*

Die internationalen Bankgeschäftsstatistiken der BIZ werden immer wieder an die Veränderungen des internationalen Finanzsystems angepasst. Die jüngsten Verbesserungen bestehen in zusätzlichen Angaben zum Inlandsgeschäft der Banken und näheren Informationen zu ihren Gegenparteien. Zusammengenommen ermöglichen die neuen Merkmale eine fundiertere Analyse der Kreditvergabe und Refinanzierung von Banken sowie ihrer Rolle bei der Weitergabe von Schocks an andere Länder, wie Stefan Avdjiev, Patrick McGuire und Philip Wooldridge (BIZ) erläutern.

Eine neue Datenbank über die Verschuldung des öffentlichen Haushalts*

Eine neue Datenreihe über die Verschuldung des zentralen Staatshaushalts in 26 fortgeschrittenen und 14 aufstrebenden Volkswirtschaften wird von Christian Dembiermont, Michela Scatigna, Robert Szemere und Bruno Tissot (BIZ) vorgelegt. Kombiniert mit der BIZ-Datenbank über die Kreditaufnahme des privaten Nichtfinanzsektors können die BIZ-Datenreihen nun die Gesamtverschuldung aller Nichtfinanzsektoren erfassen. Die neue Datenreihe enthält Daten sowohl zu Nominalwerten (tatsächlich zurückzuzahlende Beträge) als auch zu Marktwerten. Soweit möglich werden die Daten mithilfe einheitlicher Grundsätze für Konsolidierung, Erfassungsbereich der Instrumente, Erfassungsbereich der Sektoren und sonstige Aspekte aufgebaut. Der Schwerpunkt dieser neuen Datenreihe liegt zwar auf den Kerninstrumenten staatlicher Verschuldung, doch dürfte sie sich für eine vergleichende länderübergreifende Analyse als nützlich erweisen.

Wie hoch ist der für Zins- und Tilgungszahlungen aufgewendete Einkommensanteil? Eine neue Datenbank für Schuldendienstquoten*

Die Schuldendienstquote - das Verhältnis von Zins- und Tilgungszahlungen zum Einkommen - gibt wichtige Aufschlüsse über die Wechselwirkungen von Verschuldung und Realwirtschaft. Die BIZ veröffentlicht daher ab 1999 geschätzte aggregierte Schuldendienstquoten für den gesamten privaten Nichtfinanzsektor in 32 Ländern. Die Methodik und die Basiskonzepte, die der Schuldendienstquote zugrundeliegen, werden von Mathias Drehmann, Anamaria Illes und Marjorie Santos (BIZ) sowie Mikael Juselius (finnische Zentralbank) vorgestellt. Für die meisten Länder sind Schuldendienstquoten sowohl für den Sektor der privaten Haushalte als auch für den Nichtfinanzunternehmenssektor verfügbar. Der Artikel zeigt, dass die geschätzten Schuldendienstquoten ein aussagekräftiges Bild der Entwicklung der Schuldenlast im Zeitverlauf vermitteln, obwohl sie auf einer relativ bescheidenen Menge aggregierter Daten beruhen. Ein kurzer Blick auf die Entwicklung der Schuldendienstquoten in den letzten Jahren macht deutlich, dass sie eine umfassendere Beurteilung der Kreditbelastung ermöglichen als das Verhältnis der Kredite zum Einkommen oder einfache Messgrössen für die Zinszahlungen im Verhältnis zum Einkommen, da sie sowohl Zins- als auch Tilgungszahlungen berücksichtigen.

Features zu ökonomischen Themen

Internationale Spillover-Effekte der Geldpolitik*

In den letzten Jahren haben sich die Zinssätze weltweit sehr ähnlich entwickelt, ungeachtet der jeweiligen Phase im nationalen Konjunkturzyklus. Boris Hofmann und Előd Takáts (BIZ) stellen die Frage, inwieweit internationale geldpolitische Spillover-Effekte für diese parallele Entwicklung verantwortlich waren, d.h., ob die Zinssätze in den wichtigsten fortgeschrittenen Volkswirtschaften die Zinssätze in anderen Regionen beeinflussen. Bei ihrer Untersuchung von 30 aufstrebenden und kleineren offenen fortgeschrittenen Volkswirtschaften ab dem Jahr 2000 wird deutlich, dass i) die kurz- und langfristigen US-Zinssätze die entsprechenden Zinsen in anderen Ländern beträchtlich beeinflussen und ii) diese preislichen Spillover-Effekte tatsächlich zum Teil auf die geldpolitischen Spillover-Effekte zurückzuführen sind. Mit anderen Worten, die US-Leitzinssätze beeinflussen in der Tat die Leitzinssätze in anderen Ländern, und zwar stärker, als aufgrund normaler Spillover-Effekte der gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu erwarten wäre.

Der Aufstieg des regionalen Bankgeschäfts im Asien-Pazifik-Raum*

Vor der Grossen Finanzkrise von 2007-09 war das grenzüberschreitende Bankgeschäft im Asien-Pazifik-Raum hauptsächlich durch Dollarkredite von europäischen Banken bestimmt worden. Ilhyock Shim und Eli Remolona (BIZ) stellen fest, dass sich europäische Kreditinstitute nach der Krise weitgehend aus dem globalen Geschäft zurückgezogen haben. Das grenzüberschreitende Geschäft wird nun von Banken aus dem Asien-Pazifik-Raum selbst dominiert. Gleichzeitig übernahmen diese Banken einen wachsenden Anteil der kurzfristigen Fremdwährungskredite. Die für die Finanzwirtschaft zuständigen Behörden der Region stützen sich bei ihrem Streben nach einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Effizienzgewinnen durch regionale Integration und der Notwendigkeit, die Risiken von finanzieller Instabilität zu überwachen und zu begrenzen, gerne auf Rahmenvereinbarungen wie das Banking Integration Framework der ASEAN.


* Namentlich gezeichnete Artikel geben die Meinung der Autoren wieder, die sich nicht unbedingt mit dem Standpunkt der BIZ deckt.