75. Jahresbericht 2004/05: Überblick

Kapitel I: Einleitung: So weit, so gut

In den vergangenen beiden Jahrzehnten lassen sich mehrere Trends in der Weltwirtschaft ausmachen. Eine niedrigere und weniger volatile Inflation sowie ein höheres und ebenfalls weniger stark schwankendes Produktionswachstum waren begrüßenswerte Entwicklungen. Weniger willkommen waren die zunehmenden binnen- und außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte. Erstere führten vermehrt zu Phasen finanzieller Anspannungen, die oft mit einem raschen Anstieg des Kreditvolumens, der Vermögenspreise und der Anlageinvestitionen einhergingen. All diese Trends sind das Ergebnis dreier grundlegender Strukturveränderungen: der fortschreitenden Liberalisierung in der globalen Wirtschaft, des Entstehens vollständigerer Finanzmärkte und des größeren Augenmerks der Zentralbanken auf niedrige Inflation. Auch im Berichtsjahr wurden ein starkes Wachstum und niedrige Inflationsraten erzielt, die außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte blieben aber ebenfalls bestehen. Die Finanzmärkte wiesen weiterhin Anzeichen einer Überbeanspruchung auf, worin das Renditestreben angesichts der äußerst tiefen Leitzinsen zum Ausdruck kam, und die Preise für Wohneigentum erreichten in vielen Ländern neue Höchststände.

Kapitel II: Die Weltwirtschaft

Die Weltwirtschaft wuchs 2004 kräftig, unterstützt durch eine expansive Geldpolitik und ungewöhnlich günstige Finanzierungsbedingungen. Drastisch steigende Rohstoffpreise hatten zwar keinen generellen Inflationsdruck zur Folge, trugen jedoch gegen Ende des Jahres zu einer Mäßigung der weltweiten Auftriebskräfte bei. Nach dem synchron verlaufenen Aufschwung im ersten Halbjahr 2004 weiteten sich die Wachstumsdifferenziale erneut aus, da sich die Expansion in den rohstoffimportierenden Ländern – mit den USA und China als wichtigen Ausnahmen – abschwächte, während die Rohstoffexporteure im Allgemeinen ein unvermindert rasches Wachstum verzeichneten.

Die Prognosen für 2005 gehen im Wesentlichen von einem weiterhin robusten Wachstum der Weltwirtschaft und allgemein gedämpftem Inflationsdruck aus. Allerdings weisen die jüngsten Entwicklungen an den Rohstoff- und Finanzmärkten auf bedeutende Risiken dieses Szenarios hin. Die Ölpreise könnten durchaus für einen längeren Zeitraum auf ihrem hohen Niveau verharren. Weitere Preisanstiege könnten die Weltwirtschaft stärker beeinträchtigen als derzeit erwartet. Eine Rückkehr der ungewöhnlich niedrigen langfristigen Zinsen auf ein üblicheres Niveau könnte die Ausgaben der privaten Haushalte verringern. Zudem hat es bei der Beseitigung der binnen- und außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte kaum Fortschritte gegeben. In vielen fortgeschrittenen Industrieländern ist die Verschuldung der privaten Haushalte weiter gestiegen, und die Ersparnisse sind zurückgegangen, während die Defizite der öffentlichen Haushalte unverändert hoch geblieben sind. Der Abbau der Leistungsbilanzungleichgewichte, die sich seit Anfang 2005 erneut ausgeweitet haben, bleibt weltweit eine große Herausforderung.

Kapitel III: Anstehende Themen in den aufstrebenden Volkswirtschaften

Im Berichtsjahr wurde in allen wichtigen aufstrebenden Regionen ein überraschend kräftiges Wachstum verzeichnet, dem ein ausgewogeneres Verhältnis von Auslands- und Inlandsnachfrage zugrunde lag. Durch das rasche Wachstum geriet die Versorgung mit vielen kritischen Rohstoffen wie Öl unter Druck, die höheren Rohstoffpreise hatten aber keinen ausgeprägten Wiederanstieg der Inflation zur Folge. Die Zinssätze blieben in Asien und anderen Regionen niedrig.

Sind die aufstrebenden Volkswirtschaften gegenüber Schocks widerstandsfähiger geworden? Verschiedenes spricht dafür. Erstens ist die Inlandsnachfrage nicht mehr so stark von der Nachfrage aus dem Ausland abhängig. Zweitens hat sich die öffentliche Haushaltslage vielerorts verbessert, in einigen Ländern unterstützt durch Gesetzesreformen und die Entwicklung lokaler Anleihemärkte. Drittens ist die Inflation offensichtlich stabiler geworden, was in manchen Fällen auf eine größere Glaubwürdigkeit der Geldpolitik zurückzuführen ist. Auch die geringere Bedeutung expliziter Wechselkursziele reduziert die Schockanfälligkeit. Viertens weisen viele aufstrebende Volkswirtschaften heute deutliche Leistungsbilanzüberschüsse auf. Fünftens sind Fortschritte bei der Ertragslage der Banken festzustellen.

Günstige konjunkturelle Faktoren haben zu diesen Entwicklungen beigetragen, und eine weltweite Konjunkturabschwächung würde einige der jüngsten Fortschritte womöglich zunichte machen. Sollte sich das Wachstum dagegen fortsetzen, könnten in manchen Ländern die Inflationserwartungen ansteigen. In einigen Ländern liegt nach wie vor ein allzu großes Gewicht auf der kurzfristigen Verschuldung, was ihre Anfälligkeit gegenüber Zinsänderungen erhöht. Allerdings mindern umfangreiche Währungsreserven deutlich die Gefahren, die von externen Schocks ausgehen. Schließlich sind die Bankensysteme noch immer verschiedenen Risiken ausgesetzt, und in bestimmten Fällen bedarf es weiterer Verbesserungen der aufsichtsrechtlichen Rahmenbedingungen.

Kapitel IV: Geldpolitik in den fortgeschrittenen Industrieländern

Vor dem Hintergrund eines weiterhin kräftigen Wirtschaftswachstums in den USA und der Gefahr eines sich aufbauenden Inflationsdrucks begann die Federal Reserve, die geldpolitische Lockerung durch eine Reihe maßvoller Erhöhungen des Tagesgeldzielsatzes zurückzunehmen. Die EZB veränderte ihren Leitzins nicht, weil das unterdurchschnittliche Wirtschaftswachstum und die Aufwertung des Euro den Inflationsdruck weiterhin dämpften. Die Bank of Japan behielt ihre Nullzinspolitik bei, denn die hemmenden Einflüsse in der Wirtschaft und im Finanzsektor waren so stark, dass kein Ende der Deflation in Sicht war. Die Umsetzung der quantitativen Lockerung wurde durch eine sich ändernde Liquiditätsnachfrage erschwert. Alles in allem blieb der geldpolitische Kurs in den G3 im Berichtszeitraum somit akkommodierend.

In den kleineren industrialisierten Volkswirtschaften mit Inflationsziel war die Ausrichtung der Geldpolitik uneinheitlicher: Einige Zentralbanken verfolgten einen sehr akkommodierenden Kurs, während sich andere für eine neutralere Geldpolitik entschieden. Externe Einflüsse, insbesondere die Entwicklung der Öl- und sonstigen Rohstoffpreise, prägten den Berichtszeitraum. Es bestehen erstaunliche Parallelen zwischen heutigen Tendenzen und bestimmten Entwicklungen Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre. Ein eigener Abschnitt dieses Kapitels widmet sich deshalb einem historischen Rückblick und versucht die Risiken herauszuarbeiten, denen sich die Geldpolitik heute gegenübersehen könnte.

Kapitel V: Devisenmärkte

Der fortgesetzte allgemeine Wertverlust des US-Dollars und seine anschließende teilweise Erholung waren die bestimmenden Faktoren an den Devisenmärkten. 2004 wertete der Dollar gegenüber dem Euro, dem Yen und einigen anderen Währungen mit frei schwankenden Wechselkursen wiederum ab. Neu war, dass der Dollar im vergangenen Jahr auch gegenüber mehreren Währungen aufstrebender Volkswirtschaften in Asien an Boden verlor. Seit Januar 2005 hat sich der Abwärtstrend des Dollars allerdings teilweise umgekehrt. Die Bewegungen der Wechselkurse schienen vor allem von drei Faktoren bestimmt: erstens vom Augenmerk der Marktteilnehmer auf das sich ausweitende US-Leistungsbilanzdefizit und einen angeblichen Wandel in der Währungszusammensetzung der Portfolios asiatischer Zentralbanken, zweitens von den sich verschiebenden Erwartungen bezüglich des relativen Wirtschaftswachstums und der Zinsentwicklung sowie drittens von der Akkumulierung von Währungsreserven in Asien.

In einem gesonderten Abschnitt wird die Frage erörtert, ob die Entwicklung der Leistungsbilanzsalden oder die der Währungsanteile in den weltweiten Portfolios ein Problem für das internationale Währungssystem darstellt.

Kapitel VI: Finanzmärkte

Trotz der deutlichen Straffung der US-Geldpolitik wurden die Bedingungen an den globalen Finanzmärkten im Berichtsjahr lockerer. Die langfristigen Zinssätze an den wichtigsten Märkten sanken, die Aktienkurse legten zu, und die Kreditrisikoprämien gingen zurück. Anleger an den Kredit- und Aktienmärkten beurteilten die Unternehmensgewinne und die gesamtwirtschaftlichen Aussichten positiv, unterstützt von einer beträchtlichen Verbesserung der Fundamentaldaten. An den Kreditmärkten dürften die strukturellen Veränderungen, die zu vereinfachter Absicherung und mehr Liquidität geführt haben, ebenfalls zu dem niedrigen Niveau der Risikoprämien beigetragen haben. Zu einem wichtigen Teil war es auch die größere Risikobereitschaft der Anleger, die sich günstig auf die Aktien- und Kreditbewertungen auswirkte. Das Zusammentreffen von niedrigen Renditen, offenbar robustem Wirtschaftswachstum und steigenden Leitzinsen gab den Beobachtern einige Rätsel auf. Gedämpfte Inflationserwartungen und geringere Unsicherheit über den Kurs der Geldpolitik hielten die Renditen ebenfalls niedrig. Möglicherweise spielten auch eher technische Faktoren hinsichtlich Angebot und Nachfrage eine Rolle.

Kapitel VII: Finanzsektor

Banken und Versicherungsgesellschaften in den Industrieländern verbesserten im Berichtsjahr ihre Ertragslage. Geringere Kosten, günstigere Kreditbedingungen und solide Einnahmen aus dem Privatkundengeschäft trugen zu höheren Gewinnen bei. Strukturelle Fortschritte führten auch in Ländern, die in der Vergangenheit unter Druck geraten waren, zu einer verbesserten Ertragslage. Das Renditestreben drückte weiterhin auf die Kreditrisikoprämien an den Kreditmärkten, und die Risikoübernahme durch Investmentbanken hielt an, gestützt durch liquide Refinanzierungsbedingungen. Die Hedge-Fonds verzeichneten hohe Mittelzuflüsse, während die Renditen rückläufig waren.

Der Finanzsektor ist dennoch beachtlichen makroökonomischen Risiken ausgesetzt, die sich aus den potenziellen Auswirkungen höherer Zinssätze und einem eventuell damit einhergehenden Rückgang der Immobilienpreise und der Ausgaben der privaten Haushalte ergeben. Die derzeitige Lage unterstreicht die Bedeutung weiterer Fortschritte bei der Entwicklung eines funktionsfähigen systemorientierten Aufsichtsansatzes, insbesondere in Bezug auf das Erkennen von Schwachstellen im Finanzsystem und die Kalibrierung der aufsichtsrechtlichen Instrumente.

Kapitel VIII: Schlussbemerkungen: Wie können die Ungleichgewichte behoben werden?

Die Weltwirtschaft entwickelte sich in dem Ende März 2005 abgeschlossenen Geschäftsjahr sehr erfreulich. Erste beunruhigende Zeichen weckten jedoch Erinnerungen an den Inflationsdruck, der in den späten 1960er Jahren aufgekommen war. Glücklicherweise ergibt eine genauere Analyse genügend Unterschiede und Hinweise auf gelernte Lektionen, dass sich die Geschichte wohl nicht wiederholen wird. Die Unterschiede zur damaligen Zeit lassen jedoch einige Rückschlüsse auf potenzielle künftige Probleme zu. Binnen- und außenwirtschaftliche Ungleichgewichte, die in wichtigen strukturellen Veränderungen der Weltwirtschaft begründet sind, könnten sich mit potenziell gravierenden Folgen auflösen. Scheinbar naheliegende Lösungen für die einzelnen Länder stehen insgesamt betrachtet oft im Widerspruch zueinander. Dies wirft die Frage auf, ob in der gegenwärtigen Situation nicht kooperative Lösungen sinnvoll wären. Diejenigen, die unerwünschte Wechselwirkungen von an sich begrüßenswerten strukturellen Veränderungen fürchten, fragen, ob konsequenterweise nicht auch der grundlegende Handlungsrahmen angepasst werden müsste. Vorschläge für ein Gesamtkonzept für die Finanzstabilität auf nationaler wie auf internationaler Ebene können vorgelegt werden. Auf internationaler Ebene wird ein solches Konzept angesichts der jeweiligen nationalen Interessen jedoch sehr viel schwieriger umzusetzen sein.

Organisation, Führungsstruktur und Tätigkeit der Bank

Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die Rolle der BIZ in der internationalen Zusammenarbeit zur Förderung der Währungs- und Finanzstabilität. Es beschreibt den institutionellen Rahmen dieser Zusammenarbeit sowie die damit verbundenen Aktivitäten, die das vergangene Jahr prägten. 2005 feiert die Bank ihr 75-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass zeigt sie zum ersten Mal eine öffentliche Ausstellung, hat ein Buch zur Geschichte der Zusammenarbeit unter Zentralbanken herausgegeben und veranstaltet eine wissenschaftliche Konferenz.

Auch 2004/05 kamen die Präsidenten der BIZ-Mitgliedszentralbanken alle zwei Monate bei der BIZ zusammen. Im Rahmen der Weltwirtschaftssitzungen werden dabei die Entwicklungen im Wirtschafts- und Finanzbereich beobachtet und Schwachstellen in der Weltwirtschaft und an den globalen Finanzmärkten beurteilt. In der Sitzung der G10-Zentralbankpräsidenten bzw. in der – erstmals im März 2005 abgehaltenen – Sitzung der Gouverneure der wichtigsten aufstrebenden Volkswirtschaften werden konjunkturelle Fragen von besonderer Relevanz für diese beiden Ländergruppen vertieft. Darüber hinaus wurden während des Jahres verschiedene Treffen zu für Zentralbanken relevanten Themen organisiert, an denen mehrfach auch zahlreiche hochrangige Vertreter anderer Institutionen und des privaten Finanzsektors teilnahmen. Die Bank stellt für diese Sitzungen die notwendigen Analysen bereit, und in diesem Zusammenhang wurde auch der thematische und geografische Erfassungsbereich der von der BIZ erstellten Wirtschafts-, Währungs- und Finanzstatistiken erweitert. Als neue internationale Initiative wurde The International Journal of Central Banking (IJCB) aus der Taufe gehoben, eine von zahlreichen Zentralbanken und der BIZ getragene Fachzeitschrift.

Die Bank beherbergt und unterstützt nach wie vor die Sekretariate des Basler Ausschusses für Bankenaufsicht (BCBS), des Märkteausschusses, des Ausschusses für das weltweite Finanzsystem (CGFS) und des Ausschusses für Zahlungsverkehrs- und Abrechnungssysteme (CPSS). Die Bank leistet auch weiterhin einen Beitrag zur Arbeit mehrerer unabhängiger Organisationen – Forum für Finanzstabilität (FSF), internationale Vereinigung der Versicherungsaufsichtsbehörden (IAIS) und internationale Vereinigung der Einlagensicherungen (IADI) –, deren Sekretariate bei der BIZ angesiedelt sind.

Nach der Veröffentlichung der überarbeiteten Rahmenvereinbarung zur angemessenen Eigenkapitalausstattung (Basel II) im vergangenen Jahr werden sowohl der BCBS als auch das zur Bank gehörende Institut für Finanzstabilität (FSI) einen wesentlichen Teil ihrer Anstrengungen darauf verwenden, die Regulierungs- und Aufsichtsinstanzen bei ihren Vorbereitungen für die Umsetzung von Basel II zu unterstützen.

Im Rahmen ihres Kreditgeschäfts, in dessen Mittelpunkt Sicherheit und Liquidität stehen, diente die Bank erneut als erste Adresse für Finanzgeschäfte der Zentralbanken. Darüber hinaus fungierte sie bei einer Vielzahl von Finanztransaktionen Funktionen als Agent bzw. Treuhänder. Nach der Eröffnung des ersten Asian Bond Fund (ABF1) im Juli 2003 legten die Mitglieder der EMEAP-Gruppe von Zentralbanken und Währungsbehörden im Dezember 2004 eine zweite Komponente (ABF2) auf, für die die BIZ administrative Aufgaben wahrnimmt.

Im Laufe des vergangenen Geschäftsjahres erhöhte sich die Bilanzsumme der Bank um nicht weniger als 7,5% auf SZR 180,5 Mrd. Hauptsächlich infolge der niedrigeren durchschnittlichen Zinssätze, durch die sich die Erträge aus den mit Eigenkapital der Bank unterlegten Wertpapieren verminderten, sank der Reingewinn gegenüber dem Vorjahr um 25%.