I. Wenn die Zukunft zur Gegenwart wird

26. Juni 2016

Gängigen Messgrößen zufolge steht die Weltwirtschaft nicht so schlecht da, wie zuweilen behauptet wird. Das globale Wachstum erfüllt immer noch nicht die Erwartungen, entspricht aber den historischen Durchschnittswerten der Vorkrisenzeit. Auch der Rückgang der Arbeitslosigkeit setzt sich fort. Weniger zuversichtlich stimmt das längerfristige Umfeld, das durch eine „riskante Dreierkonstellation" aus ungewöhnlich niedrigem Produktivitätswachstum, beispiellos hohen globalen Schuldenständen und einem äußerst engen wirtschaftspolitischen Handlungsspielraum geprägt ist. Ein deutliches Symptom dieser unbehaglichen Konstellation sind die außerordentlich und anhaltend niedrigen Zinsen, die im letzten Jahr sogar noch weiter gesunken sind.

Das Berichtsjahr war gekennzeichnet von ersten Anpassungen bei den Faktoren, die die Weltwirtschaft beeinflussen. Die globalen Liquiditätsbedingungen verschärften sich allmählich und der US-Dollar wertete auf, was teilweise den geldpolitischen Aussichten in den USA geschuldet war. In einigen aufstrebenden Volkswirtschaften steuerte der Finanzzyklus auf seinen Höhepunkt zu oder kehrte sich allmählich um. Gleichzeitig fielen die Rohstoffpreise, insbesondere der Ölpreis, weiter. Globale Preisentwicklungen und Kapitalströme kehrten sich im ersten Halbjahr 2016 jedoch teilweise um - ungeachtet der weiterbestehenden grundlegenden Anfälligkeiten.

Eine wirtschaftspolitische Neuausrichtung ist dringend nötig, damit der Übergang zu einem robusteren und nachhaltigen Wachstum gelingt. Wesentlich beigetragen zur gegenwärtigen Malaise haben sowohl das Unvermögen, enorm schädliche finanzielle Auf- und Abschwünge in den Griff zu bekommen, als auch das daraus entstandene schuldenfinanzierte Wachstumsmodell. Eine Entlastung der Geldpolitik, der viel zu lange zu viel aufgebürdet wurde, ist unerlässlich. Dies bedeutet, die Reformen des Finanzsystems abzuschließen, den verfügbaren fiskalpolitischen Spielraum sorgfältig zu nutzen und gleichzeitig die langfristige Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen sicherzustellen. Vor allem aber bedeutet es, Strukturreformen voranzutreiben. All diese Maßnahmen sollten Teil längerfristiger Anstrengungen sein, ein wirksames makrofinanzielles Stabilitätskonzept auszuarbeiten, das es erlaubt, den Finanzzyklus besser in den Griff zu bekommen. Dabei ist eine konsequent langfristige Ausrichtung von größter Bedeutung. Es sind dringend Maßnahmen erforderlich, die wir nicht wieder bereuen, wenn die Zukunft zur Gegenwart wird.