Übersicht über die Kapitel zur Wirtschaftsentwicklung

26. Juni 2011

Im vergangenen Jahr hat sich die Lage der Weltwirtschaft weiter verbessert. Die aufstrebenden Volkswirtschaften verzeichnen ein starkes Wachstum, und die fortgeschrittenen Volkswirtschaften sind auf dem Weg zu einem selbsttragenden Aufschwung. Zurücklehnen dürfen sich die öffentlichen Entscheidungsträger aber deswegen noch nicht - zahlreiche Nachwirkungen und Lehren der Finanzkrise verlangen ihre Aufmerksamkeit. In vielen fortgeschrittenen Volkswirtschaften belasten nach wie vor hohe Schulden die privaten Haushalte sowie die Finanz- und sonstigen Unternehmen, und die Konsolidierung der öffentlichen Finanzen hat kaum begonnen. Globale finanzwirtschaftliche Ungleichgewichte treten wieder zutage. Die vielerorts immer noch äußerst lockere Geldpolitik könnte die Preisstabilität schon sehr bald in Gefahr bringen. Die Regulierungsreform im Finanzsektor muss noch zu Ende geführt und vollständig umgesetzt werden. Nicht zuletzt sind die statistischen Daten und Analysemethoden, die als Frühwarnsystem für Anspannungen im Finanzsektor dienen sollten, nach wie vor unzureichend. Auf all diese Herausforderungen wird im diesjährigen Jahresbericht eingegangen.

Vor der Krise war das Wachstum in verschiedenen fortgeschrittenen Volkswirtschaften aufgrund unausgewogener und miteinander verknüpfter Entwicklungen nicht tragfähig. Die rasant steigende Verschuldung und der Höhenflug der Vermögenspreise führten dazu, dass sich der Immobilienwie auch der Finanzsektor aufblähten. Der Boom überdeckte zudem schwerwiegende langfristige Schwachstellen der öffentlichen Haushalte; wenn diese fiskalpolitischen Probleme nicht angepackt werden, könnten sie der Auslöser für die nächste Krise sein. Um es klar zu sagen: Die Marktturbulenzen rund um die Schuldenkrisen in Griechenland, Irland und Portugal sind nur ein kleiner Vorgeschmack dessen, was bevorstünde, wenn die Anleger ihr Vertrauen in die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen einer großen Volkswirtschaft verlieren würden.

Maßnahmen gegen die übermäßige Verschuldung des privaten wie auch des öffentlichen Sektors sind unerlässlich, um eine solide Grundlage für ein hohes, ausgewogenes reales Wachstum und ein stabiles Finanzsystem zu schaffen. Einerseits muss die Sparquote des privaten Sektors gesteigert werden, und andererseits gilt es, den Abbau der Defizite in den von der Krise am stärksten betroffenen Ländern unverzüglich und entschieden voranzutreiben.

Die Lehren aus der Krise gelten auch für die aufstrebenden Volkswirtschaften. Vor allem die Länder mit einem stark schuldenfinanzierten Konsumund Immobilienboom laufen Gefahr, dieselben Ungleichgewichte aufzubauen wie jene, die jetzt die fortgeschrittenen Volkswirtschaften belasten.

Die weltweiten Leistungsbilanzungleichgewichte sind nicht verschwunden, und so besteht die Gefahr ungeordneter Wechselkursanpassungen und protektionistischer Reaktionen. Die Ungleichgewichte betreffen allerdings nicht nur die Leistungsbilanzen, sondern auch die Bruttokapitalströme. Diese sind heute weit größer als die Nettoströme, die gemeinhin mit der Leistungsbilanz in Verbindung gebracht werden; und sie sind womöglich noch gefährlicher, weil sie potenzielle Inkongruenzen in den Bilanzen schaffen und dazu führen, dass sich Schocks leicht über die Landesgrenzen hinweg ausbreiten können. Doch damit nicht genug: Grenzüberschreitende Finanzierungen erlauben sogar dann ein rasantes Kreditwachstum, wenn inländische Finanzierungsquellen fehlen. Kehren sich umfangreiche grenzüberschreitende Kapitalströme jedoch um - das hat uns die Erfahrung der letzten Jahre wieder vor Augen geführt -, kann dies dem Finanzsystem und letztlich auch der Realwirtschaft Schaden zufügen.

Die Ungleichgewichte in der Leistungsbilanz und bei den Bruttokapitalströmen hängen zusammen und müssen gleichzeitig angegangen werden. Eine solide Wirtschaftspolitik wird hier von entscheidender Bedeutung sein, ebenso wie strukturpolitische Maßnahmen, damit in den Ländern mit einer negativen Leistungsbilanz mehr gespart bzw. in den Ländern mit einer positiven Leistungsbilanz mehr konsumiert wird. Zudem muss es zu einer Anpassung der realen Wechselkurse kommen, was für sich allein aber noch nicht ausreicht, um die Ungleichgewichte abzubauen. In den einzelnen Ländern müssen auch der regulatorische Rahmen und die Finanzmarktinfrastruktur gestärkt werden. Erst als letztes Mittel sollte zu Kapitalverkehrskontrollen gegriffen werden, die ohnehin nur vorübergehende Entlastung bringen.

Anpassungen sind sowohl in den Überschuss- als auch in den Defizitländern nötig und für alle von Nutzen. Allerdings gibt es ein grundlegendes Problem: Einseitig wird kein Land Anpassungen angehen wollen, weil dies zu kostspielig wäre. Um diese Pattsituation zu überwinden, braucht es unbedingt ein international koordiniertes Vorgehen.

Für die Zentralbanken wiederum nehmen die Herausforderungen zu, während sie ihren lang anhaltenden akkommodierenden Kurs immer noch fortsetzen. Die weiterhin sehr niedrigen Zinssätze in den wichtigsten fortgeschrittenen Volkswirtschaften verzögern die notwendigen Bilanzanpassungen von privaten Haushalten und Finanzinstituten. Dadurch steigt auch die Gefahr, dass es wie vor der Finanzkrise erneut zu Verzerrungen kommt. Mit Blick auf eine stabile Zukunft ist es ganz wesentlich, dass der Versuch, die negativen Folgen der vergangenen Krise abzufedern, nicht den Boden für die nächste Krise bereitet.

Insgesamt haben die Inflationsrisiken durch die steigende Kapazitätsauslastung und die höheren Preise für Nahrungsmittel, Energie und andere Rohstoffe zugenommen. Dass sich die Inflationsgefahr inzwischen nicht nur auf die wichtigsten aufstrebenden Volkswirtschaften erstreckt, sondern auch auf die fortgeschrittenen Volkswirtschaften, spricht dafür, dass die Leitzinsen weltweit angehoben werden sollten. Gleichzeitig ist eine solche Straffung in einigen Ländern jedoch gegen Schwachstellen abzuwägen, die aus noch unbereinigten Bilanzen und dem nach wie vor teilweise fragilen Finanzsektor resultieren. Wenn aber letztlich an der Zinsschraube gedreht wird, müssen die Zinsschritte womöglich rascher erfolgen als in der Vergangenheit.

Die unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen werden in absehbarer Zeit auslaufen, und damit stehen die Zentralbanken vor dem Problem, dass ihre Bilanzen im Zuge der ergriffenen Maßnahmen größer und komplexer geworden sind. Wenn die Zentralbanken dieses Problem nicht lösen oder wenn sie den geldpolitischen Kurs zu spät über die herkömmlichen Kanäle straffen, droht eine Schwächung der Glaubwürdigkeit, die sie sich bei der Bekämpfung der Inflation so mühsam erworben haben.

Die Fortschritte bei der Regulierungsreform im Finanzsektor sind beeindruckend. In kurzer Zeit ist auf internationaler Ebene eine Einigung über höhere Eigenkapitalanforderungen und neue Liquiditätsstandards für Banken erzielt worden. Noch stehen aber einige zentrale Schritte bevor: die vollständige und zügige Umsetzung von Basel III, Beschlüsse über Maßnahmen gegen Systemrisiken aufgrund sehr großer, international tätiger Finanzinstitute und die Ausgestaltung von Liquidierungsverfahren, die eine geordnete Abwicklung dieser Finanzinstitute im Insolvenzfall ermöglichen. Doch die Ziele sind nicht in Stein gemeißelt, da die Risikobereitschaft wieder zunimmt und die Banken ihre Geschäftsmodelle an die neuen Rahmenbedingungen anpassen. Die Finanzaufsicht muss flexibel und wachsam sein, um die Risiken für die Finanzstabilität zu beobachten und zu begrenzen, auch wenn dies über den derzeitig regulierten Bereich hinausführt.

Die jüngste Finanzkrise hat Lücken bei den statistischen Daten und Analysemethoden für die Beurteilung von Systemrisiken aufgedeckt. Diese Lücken haben es den öffentlichen Entscheidungsträgern erschwert, Schwachstellen zu erkennen und zu beheben. Bei ihrer Arbeit müssen sie das Finanzsystem in seiner Gesamtheit, möglichst realitätsnah und aus unterschiedlichen Blickwinkeln analysieren. Grundlage dieser Analyse wären Sektorbilanzen und deren globale Verknüpfungen, was einen vermehrten Austausch von Einzelinstitutsdaten sowohl innerhalb eines Landes als auch über die Landesgrenzen hinweg bedingen würde. Bessere Daten und Analysemethoden werden künftige Krisen wohl nicht verhindern können. Erfahrungsgemäß sollte es öffentlichen Entscheidungsträgern wie auch Marktteilnehmern damit aber möglich sein, bisher unbekannte Schwachstellen als solche zu erkennen und neu entstehende Schwachstellen viel rascher als bisher auszumachen.